Neulich in der Kantine – Respekt

Hallo,
ich war ja vor Kurzem mal für ein paar Tage weg.
Ein Aufenthalt zur REHA und Wiederherstellung diverser Funktionen an den Extremitäten.
Nun, wie es sich so ergibt wird man da von der Kantinenchefin an einen Tisch verfrachtet mit lauter neuen Gesichtern verschiedenster Coleur und mit unterschiedlichsten Krankheitsbildern und entsprechender Historie.
Nach anfänglichem Beschnuppern konnten wir uns alle doch recht gut riechen und waren ein netter Haufen mit ähnlichen Interessen und Neigungen.
Manchmal lustiger, als es den Kantinenchefs lieb war, zumal man, wenn es die Zeit zuließ auch mal länger saß und ratschte. So kam es immer mal wieder vor, dass man aus der Kantine hinauskomplimentiert wurde, weil die Damen und Herren ja auch mal Feierabend machen wollten.
In so einem Fall ging man halt ins Cafe das sich einen Stock höher im selben Gebäude befand.

So kam es, dass man dort in Kontakt mit einem offensichtlich recht gebildeten, belesenen und modernen Mann kam, der -wie sich herausstellte- türkischer Abstammung war und schon sein ca. 40 Jahren in Deutschland lebte. Er, nennen wir in hier einfach mal Murat (aus Datenschutz- und Persönlichkeitsrechlichen Gründen nicht der Originalvorname), gab sich , wie gesagt recht modern, angepasst und fortschrittlich, hatte nach eigener Aussage eine hohe Schulbildung, sprach gutes Deutsch und wurde offen in unserer Gruppe aufgenommen. Nebenbei bemerkt Bechterew Patient, aber noch sehr agil, überall dabei und sehr hmmm… neugierig.
Am nächsten Tag tauchte er kurzerhand in der Kantine an unserm Tisch auf, setzte sich an einem noch freien Platz dazu und ließ das von der Kantinenchefin entsprechend ändern.

Soweit so gut, wenn da nicht doch irgendwann etwas Ungewöhnliches passiert wäre.
Ich könnte jetzt -wie Viele- sagen: „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber…“, doch das entspricht nicht meiner Mentalität und Überzeugung.
Meine Einstellung ist „Leben und Leben lassen“ und das so, dass sich Alle die hier in unserem Land, bzw. in Europa leben, arbeiten und sich somit an unserer Gesellschaft beteiligen, wohlfühlen. Da kommt jetzt das Wörtchen „Respekt“ ins Spiel. Überall, vor allem in den Gewerkschaften und Sozialverbänden wird von „Respekt“ gesprochen und sehr viel damit geworben. Das finde ich sehr gut und unterstützenswert, ich verstehe das aber auch nicht als Einbahnstraße, sondern als gleichberechtigte Begegnung für Alle die sich hinter dieses Wörtchen „Respekt“ stellen, es hat etwas mit Anstand und gegenseitiger Wertschätzung zu tun. Es kann nicht sein, dass sich eine „Seite“ nur die Rosinen herauspickt zu Lasten der anderen „Seite“. Ich schreibe das extra in Anführungszeichen, denn es geht nicht um ein Gegeneinander, sondern ein Miteinander, nur miteinander werden wir eine tolerante und friedliche Gesellschaft bauen können.

Warum aber nun diese lange Vorrede?
Nun es begab sich einige Tage nach hinzustossen von Murat, dass wir Alle gemeinsam am Tisch zum Abendessen saßen und uns unterhielten, als er beim vorüberkommen einer Landsmännin diese wohl auf türkisch ansprach und über unsere Köpfe hinweg laut mit Ihr ein Gespräch führte das wir -mangels Kenntnis der türkischen Sprache- nicht verstehen konnten. Nach einem kurzen Lachen der Beiden war das Gespräch beendet und man unterhielt sich am Tisch wieder in deutscher Sprache. Soweit so gut, das kann ja mal sein und es ist auch durchaus OK, wenn sich zwei oder drei Menschen in Ihrer Muttersprache miteinander unterhalten.

Es wird aber seltsam, wenn sich diese Menschen recht oft in Ihrer Muttersprache unterhalten, wenn deutsch sprechende Menschen dabei stehen, oder dabei sitzen und dadurch nichts von der Konversation verstehen. Geht es nur mir dabei so, als ob ich ausgeschlossen werden soll?
Wo wir doch immer so gerne von Integration sprechen…

Nun, die Sache ist aber noch nicht zu Ende, denn Murat übte diese Konversation nun fast täglich, bei jeder sich bietender Gelegenheit aus. Irgendwann reichte es mir dann und ich erlaubte mir Murat zu fragen, warum es denn sein müsse, dass er und die andere Person sich in unserer Anwesenheit türkisch unterhalte. Wörtlich: „Warum eigentlich sprecht ihr hier Türkisch? Ich finde es komisch und Respektlos, dass Ihr Euch auf Türkisch unterhaltet, wenn wir dabei sitzen. Man könnte meinen Ihr habt vor uns etwas zu verbergen, bzw. sagt etwas, das wir nicht verstehen sollen. Könnt ihr das nicht sein lassen, wenn wir dabei sind?“.
Was ich dann als Antwort bekam und mir unterstellen lassen musste, machte mich erst für einen kurzen Moment sprachlos, dann etwas wütend und schliesslich nur noch traurig.

Murat sagte mir ins Gesicht: „Das ist mein gutes Recht hier türkisch zu sprechen, schliesslich lebe ich hier schon 40 Jahre, ich könne ihm nicht verbieten türkisch zu sprechen.“
Ich erwiderte: „Ich verbiete Dir gar nichts, ich bitte nur darum dass Ihr in unserer Anwesenheit Deutsch sprecht, damit wir verstehen, was ihr sagt. Das ist für mich eine Sache von Anstand.“
Murat: „Das hätte ich jetzt nie von Dir gedacht, das ist ja ungeheuerlich dass Du so regierst“. Ich bin Gebildet und schon so lange hier, das ist mein Recht türkisch zu sprechen. Das lasse ich mir von Dir nicht verbieten.“
[Wir hatten vorher schon ein paar mal diskutiert, auch über politische Themen und waren scheinbar ähnlicher Meinung, wodurch er eigentlich meine offene und tolerante Gesinnung kannte. Er formulierte das nun so, dass man merkte (die anderen Anwesenden haben mir diesen Eindruck im Nachhinein bestätigt) er wolle mich nun in eine rechte, nationalistische Ecke bzw. Schublade schieben.]
Ich erklärte ihm nochmals: Ich habe nur gefragt warum Ihr das macht, wir Anderen sprechen ja auch nicht untereinander Spanisch, Französisch oder in einer anderen Sprache, so dass Du nichts verstehen kannst. Für mich ist das eine Sache von Anstand, nichts anderes, das hat auch nichts mit Deiner Bildung, oder der Länge Deiner Anwesenheit hier zu tun. Nur mit Anstand und Respekt.“
Er erwiderte: „Das hätte ich jetzt nicht von Dir gedacht, da unterhalte ich mich besser nicht mehr mit Dir…“
Mir blieb nur noch zu sagen: „Wie gesagt, es geht mir hier um Anstand. Ich schreibe Dir nichts vor und ich lasse mich auch von Dir nicht in irgend eine Schublade schieben. Wir müssen uns nicht unterhalten, das macht mir nichts aus.“
[Murat und ich haben seit dem kein Wort mehr gesprochen, bzw. nur das nötigste am Tisch.]

So kam es, dass an unserem Tisch in den nächsten Tagen eine rel. gedrückte Stimmung herrschte, vor allem wenn Murat anwesend war. Schade. Es war ab diesem Zeitpunkt in seiner Anwesenheit keine lockere Stimmung und Offenheit mehr möglich.
Nach ca. 3- 4 Tagen eröffnete Murat meinen anderen Tischgenoss(Inn)en, dass er sich nun weg setzten werde, weil er andere „Freunde“ gefunden habe.

Interessanter zu beobachten war, dass sich die Stimmung nach ausscheiden Murats aus der Tischgesellschaft rel. schnell wieder hob, wir hatten Spaß und waren wieder ausgelassen. Wir nahmen auch neue Tischnachbarn weiterhin offen auf..

Murat jedoch zog bei jeder zufälligen Begegnung mit mir den Kopf ein und schaute in eine andere Richtung, was mir in diesem Fall schon Recht war, wenngleich es mich traurig stimmt, dass eine kleine Anmaßung von mir Anstand anzufordern so eskaliert ist.

Diese Begebenheit läßt sich wohl hunderte ja tausende Male in unserem Land nachvollziehen.
Auch meine Bekannten, meine und deren Kinder äußern sich über ähnliche „Vorfälle“, wo Menschen anderer Nationalität sich sofort in ihrer Muttersprache unterhalten, auch, oder gerade wenn deutsch sprechende Menschen dabei stehen oder sitzen. Man fühlt sich dann sprachlich ausgeschlossen.

Ich frage mich wie unser Zusammenleben mit so vielen Nationalitäten klappen soll, wenn schon ein so kleiner Anlass dazu führt, dass man sich entzweit?
Ich frage mich was geschieht, wenn Menschen nicht so intensiv gebildet sind, wie Murat, wenn schon ein offensichtlich oder angeblich sehr gebildetet Mensch so unnachgiebig und uneinsichtig auf Einforderung von Anstand und Respekt reagiert?
Ich frage mich, wie soll eine Gesellschaft funktionieren, wenn Verhaltensweisen und gesellschaftlich Regeln nur in eine Richtung gelebt und genutzt werden, Respekt und Anstand nur von A nach B aber nicht zurück gelebt werden?

Sicher verhält sich die große Mehrheit anders [zumindest hoffe ich das], aber es gibt Ausnahmen, die aus dem Raster fallen und meist fallen auch nur diese Ausnahmen auf, auf beiden Seiten, egal welcher Nationalität und Religionszugehörigkeit. Daran dürfen wir aber die Allgemeinheit nicht messen (keine Pauschalisierung).

Meine Hoffnung ist, dass durch diesen Beitrag Menschen (egal woher sie kommen und was sie glauben) aufgerüttelt werden ihre Verhaltensmuster und Gewohnheiten anzusehen, zu reflektieren, zu überdenken und ggf. zu verändern.
Ich hoffe, dass man mich nicht in eine gewisse Ecke, oder Schulblade schiebt, denn das bin ich ganz sicher nicht.
Gerade an die, die jetzt vielleicht wieder sagen “ Ich habe ja nichts gegen…, aber…“ möchte ich appellieren, schaut genau hin, seid offen, seid aufmerksam, bleibt tolerant und seid ein Vorbild für unsere Kinder, aber auch für unsere ausländischen Gäste und Mitmenschen.
Versetzt Euch gedanklich und emotional in deren Lage.
Aber auch an die Menschen aus anderen Ländern und anderer Glaubensrichtungen bitte ich, schaut hin, hört zu, denkt nach, öffnet Euch und versucht Euch in die Lage Eures Gegenübers, Eurer Gastgeber zu versetzen. In Euren Heimatländern fordert man Touristen und Einwanderer ja auch dazu auf (teils sicher zu Recht) Gebräuche und bestimmte Verhaltensweisen zu beachten.

Ich versuche immer nach dem Motto “ Leben und Leben lassen“ zu handeln und nach der Parole „Ehrlich Menschlich“. Manchmal fällt einem das aber auch ganz schön schwer.
Trotzdem, dran bleiben…

In diesem Sinne, Respekt!

Euer
Hans- Jürgen (Ronnie) Rigl

PS: Die Dialoge habe ich aus dem Gedächtnis wiedergegeben, es geht mir hier auch nicht darum, den exakt korrekten Wortlaut weiter zu geben, sondern um die Sache ansich…

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